FRANKENSTEIN oder der moderne PrometheusIch habe euch gewarnt, hier ist es: Für alle, die mittlerweile genervt hiervon sind, ist es natürlich möglich das ganze zu überlesen, ich hoffe ihr seid euch im Klaren, dass das
immer eine Option ist. Für alle, die es interessieren sollte, geht’s dann hier weiter.
Ich schreib dieses Review in der Hoffnung mit all den Vorurteilen, die das Buch überdecken, ein wenig aufzuräumen und vielleicht auch den einen oder anderen davon zu begeistern, denn ich bin sicher, würde manchen nicht diese schwerwiegende Barriere von über Jahrzehnte mühsam erschaffene Vorurteile, das Interesse nehmen, wäre der Stoff längst erfolgreich in irgendwelchen Anime/Manga Foren zu finden und die elendig nervenden Shônen-Ai Fans würden sich über die Geschichte ebenfalls hermachen. Bei diesem Punkt kann man dann doch von Glück reden, dass es nicht so weit gekommen ist. Für alle anderen jedoch, die gerne mal eine Lektüre bevorzugen, die einen gewissen Wert hat, ist dieses Buch haargenau das Richtige. So, bevor ihr beginnt diese Review zu lesen (als ob -_-), werft alles was ihr bislang zu
FRANKENSTEIN kanntet über Bord! Als erstes wäre zu sagen, dass wenn man von Frankenstein spricht, es sich nicht um das Monster an sich handelt. Gemeint ist der Schöpfer dieser unheilvollen Kreatur. Und seid darauf gefasst wie sehr ihr euch, genau wie ich zuvor, in euren Vorstellung zu diesem irrt! Victor Frankenstein; so der volle Name ist ein junger Mann, der durchaus das Potenzial zum obersten Bishonen hätte. Sein Charakter offenbart sich in diesem wunderbaren Roman so ausführlich, dass ich es hier nicht zu beschreiben vermag. Lasset also ab von euren Vorstellungen eines grauhaarigen irre lachenden Wissenschaftlers, der auch eher als böse und heimtückisch in Film und anderen Medien dargestellt wird. Frankenstein ist ein höflicher, freundlicher aber auch sehr naiver und nicht zu letzt unglaublich ehrgeiziger und leidenschaftlicher junger Mann. Aber wie gesagt, ihn zu beschreiben ist unmöglich, ausserdem wage ich es nicht jemanden, der dieses wundervolle Buch hiernach vielleicht doch noch lesen will, die Freude und Begeisterung zu nehmen, die einem zwangsläufig beim lesen des Romans überkommt.
Begonnen hat das alles nur mit diesem von mir bereits erwähnten Hörspiel, das ich mir auf der Frankfurter Buchmesse zugelegt hatte. Anfangs nur auf der Suche nach Audiomaterial mit Klaus-Dieter Klebsch, griff ich auf das Hörspiel zurück. Als ich dann aller Vorurteile nach dem hören dieses unglaublichen Hörspiels beraubt war, widmete ich mich sofort diesem Buch und nun stehe ich hier und bin immer noch erstaunt darüber wie sehr Shelleys Stil dem meinen gleicht, den ich anzustreben versuche… zu erzählen mit einer Intensität, dass dem Leser die Tränen kommen.
Handlung: Fest entschlossen eine Passage zum Nordpol zu finden, startet der 28-jährige Forscher Robert Walton gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine Expedition in das ewige Eis der Arktis. In regelmäßigen Briefen berichtet er seiner Schwester daheim in England die Fortschritte und Rückschläge seiner Reise, ebenso wie seine Sehnsucht nach einem Freund, der seinen Forscherdrang zu teilen vermag.
Während das Schiff droht vom Packeis eingeschlossen zu werden, beobachten Robert und die Mannschaft des Forschungsschiffes eine riesenhafte Gestalt auf einem Hundeschlitten, die in Richtung Norden eilt. Wie erstaunt ist der Forscher, als sie am darauf folgenden Tag jenseits des Festlandes, einen jungen Mann an Bord nehmen, der seiner Rettung seltsamerweise erst einwilligt nachdem ihm das Ziel der Reise bekannt gegeben wird. Völlig am Ende seiner Kräfte und von Hunger und Kälte gezeichnet, gelingt es der Mannschaft den schwerkranken Mann halbwegs ins Leben zurückzuholen.
Der Name des neuen Passagiers: Victor Frankenstein...
( Read More )Irrtümer: Die weitere Handlung der Geschichte dürfte grob bekannt sein: Frankenstein gelingt es künstlich Leben herzustellen, indem er mit Hilfe von Elektrizität einer aus Leichenteilen zusammen gestellten Kreatur Leben einhaucht. Das ist die Geschichte von Frankenstein, die jedes Kind und jeder Erwachsene kennt. Oder etwa doch nicht?
Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen was für ein falsches Bild entstehen kann, einfach nur weil der Mensch selbst zu faul ist sich mit etwas auseinanderzusetzen was er bereits glaubt zu kennen.
Mit dem Namen
"Frankenstein" identifizieren wir stets das Monster an sich, nicht alle wissen, dass es sich dabei wie erwähnt um den Namen des Wissenschaftlers handelt, der die Kreatur erschafft.
Dr. Frankenstein ist wiederum ebenso falsch, denn Frankenstein ist zu jung für einen derartigen Titel, zwar studiert er in Ingolstadt Naturwissenschaften, brach dieses Studium jedoch ab, um Orientalistik zu studieren, auch dieses Studium führt er allem Anschein nach nicht zu Ende.
Ausserdem prägt uns ein falsches Bild der Geschichte an sich. Mary Shelley schrieb nicht eine einfache Horrorgeschichte. Ob
FRANKENSTEIN dies überhaupt ist, bleibt ebenfalls zu bezweifeln. Shelley führt uns eher die Geschichte eines bemitleidenswerten jungen Mannes vor Augen, der an seinem Ehrgeiz, der fast an Wahnsinn grenzt, scheitert und schliesslich zerbricht. Sie warnt vor dem Drang der Menschheit, die es sich anmaßt Gott zu spielen und leichtfertig mit dem Leben umzugehen, über den Wahnwitz sich über die menschlichen Grenzen zu erheben und der Anmaßung über Leben und Tod bestimmen zu können. Die Geschichte erzählt zudem das bedauernswerte Schicksal eines von der Gesellschaft ausgestoßenen Geschöpfes, das weder Liebe, Zuneigung noch Akzeptanz zu Teil werden und somit verdammt ist in völliger Einsamkeit vor sich hin zu leben, das aber trotzdem versucht einen Platz im Leben zu finden. Anfangs unschuldig und guten Willens, mutiert das Geschöpf zum Mörder, erfüllt von Rachegedanken, um seinen Schöpfer zu vernichten, der ihm das einzige Glück auf Erden verweigert zu dem nur dieser fähig ist es zu erfüllen... ein ihm ebenbürtiges weibliches Geschöpf, das ebenso entstellt wie er, ihn nicht abweisen würde.
( Bekannte Freiheiten der Medien... )( Textauszüge (besser bekannt als Lieblingsstellen XD )Mag man mich auch für albern halten mich für ein so altes Werk zu begeistern, das eigentlich, als ausgelutschtes Thema bezeichnet werden könnte, für jemanden der seit seiner Kindheit begeistert von Schriftstellerei und Literatur ist, ist dieses Werk jedoch eine einzige Freude. Noch nie konnte ich mich einem Buch so sehr hingeben, noch nie so sehr mit ihren Charakteren leiden. Ich ertappte mich dabei wie ich die letzten Seiten lesend, auf meinem Bett saß und ein Schluchzen unterdrückte. Ich hatte die Hand vor den Mund geschlagen und meine andere, die das Buch hielt zitterte ein wenig. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut wenn ich an einige Textstellen denke und das nicht aus dem Grund, den man bei der Geschichte
FRANKENSTEIN vermuten würde. Shelleys Stil vermittelt einem nur zu glaubwürdig die Gefühle und Empfindungen ihres Hauptcharakters. Denkt man an die arme jämmerlich verstoßene Figur, fällt es einem Schwer sein Mitgefühl für Victor mit dem für das Monster im Gleichgewicht zu halten. Shelley erschafft einen Konflikt im Leser. Einerseits ist Victors Leiden so ausgeschildert und detailliert beschrieben, dass man gar nicht anders kann, als tiefstes Mitleid mit ihm zu empfinden, auf der anderen Seite verachtet man seine Tat und gruselt und ekelt sich im gleichen Maße davor, verwünscht ihn fast für das Leiden seiner von ihm selbst verstoßenden Kreatur, da er so leichtfertig mit dem Leben umsprang. Besonders die Passage im Buch, die aus der Sicht des Geschöpfes erzählt wird, weckt im Leser tiefstes Mitgefühl. Schliesslich ist die Kreatur unschuldig an ihrer Erschaffung, erfährt aber von Anbeginn ihrer Entstehung nur Leid und Grausamkeit. Victor jedoch ist ein junger überaus intelligenter und hochbegabter Student, der es eigentlich besser wissen müsste, aufgrund seines krankhaften Ehrgeizes jedoch alle Vernunft in den Hintergrund drängt. Seine Entwicklung vom Wunderkind zum vom Forscherdrang zerfressenden Lehrling der Wissenschaften ist so glaubwürdig und liebvoll dargestellt, dass keinem Leser seine Handlungen innerhalb der Geschichte je stutzen lassen.
Warum so viele Filme, Bücher und sonstige Medien diese wunderschöne Geschichte falsch oder extrem verzerrt darstellen, bleibt einem unverständlich. Natürlich bedienen sich Filme z.B. nie genau der Urhandlung einer Geschichte, warum aber noch
nie jemand auf die Idee kam
FRANKENSTEIN im Nachhinein, als das darzustellen was es eigentlich ist, bleibt mir ein Rätsel. Bleibt nur zu vermuten, dass es kommerziell gesehen besser ist eine ursprünglich so schöne Geschichte zu verhackstückeln, um den Zuschauern lieber rasante und brache Unterhaltung darzubieten, als auf philosophischer Ebene eine Moral zu vermitteln, die auf eine intelligente Art und Weise doch nicht so kitschig rüberkommt wie man erwarten würde.